Leseprobe

Naseweis
Ein Pferdchen entdeckt mit seinen Freunden die Welt

1.Kapitel  
Ein schöner Sommertag     

„Mama, es ist so  langweilig! Warum darf ich vor dem Mittagessen nicht noch ein wenig auf der Koppel spielen?“, fragt Naseweis ungeduldig seine Mutter, die gerade damit beschäftigt ist, Haferbrei zu kochen. Sie runzelt die Stirn und ermahnt ihren Sohn, sich nicht von der Koppel zu entfernen. Wenn der Vater in den nächsten Minuten von der Feldarbeit zurückkehrt, wollen sie gleich essen. Naseweis freut sich schon sehr auf die Mahlzeit. Heute hat die Mutter nämlich auch noch Möhrenrohkost, seine Lieblingsspeise, mit vielen Äpfeln und Nüssen zubereitet.
„Ja, ja.... ich weiß Bescheid.“ Schon trabt Naseweis davon. Kopfschüttelnd blickt Emmy ihrem Sohn hinterher. Verträumt denkt sie an den Tag zurück, als Naseweis geboren wurde, und der Tierarzt Doktor Hilfreich feststellte, dass ihr Nachwuchs kerngesund und putzmunter wäre. Wie Recht er doch hatte! Manchmal ist es Emmy direkt unheimlich, wie furchtlos und unbesonnen ihr Sohn sein kann. Ein Zischen lässt sie aus ihren Gedanken aufschrecken. Der Haferbrei ist übergekocht.
Schnell wendet sie sich wieder ihrer Küchenarbeit zu und sieht nicht, wie Naseweis, der inzwischen temperamentvoll über die Koppel galoppiert, interessiert nach einem bunten Schmetterling schaut.
„Hallo, wer bist du denn? Wie heißt du? Ich habe dich hier noch nie gesehen. Mein Name ist Naseweis. Wie heißt du?
Wohin fliegst du?“, ruft Naseweis dem Schmetterling, der inzwischen von der  Glockenblume aufgeflattert ist, zu.  
"Warte doch auf mich! Ich möchte mit. Flieg bitte nicht so schnell! Ich kann dir kaum folgen“, bittet das Fohlen den Schmetterling. Das Pfauenauge namens Sally scheint ihn jedoch nicht zu hören. Majestätisch flattert Sally über die Koppel, auf der saftiges Gras sprießt und bunte Sommerblumen wachsen.
 Der Falter dreht im Flug lustige Kreise und erfreut sich der Sonnenstrahlen, die seine samtartigen Flügel zart berühren. Vielleicht hat Sally das Fohlen auch gar nicht bemerkt oder sie macht sich einen Spaß daraus, es an der Nase herumzuführen! Das quirlige Pferdchen, das stets Neues entdecken und kennen lernen möchte, gibt so schnell nicht auf. Hartnäckig nimmt Naseweis die Verfolgung auf und merkt überhaupt nicht, wie er sich aus seiner vertrauten Umgebung entfernt. Vergessen sind die ermahnenden Worte der Mutter und vergessen hat er auch, dass es eigentlich bald das Mittagessen geben sollte.   
Das kleine Fohlen ist nur damit beschäftigt, den interessanten Schmetterling, von dem es hofft, etwas Näheres über ihn zu erfahren, nicht aus den Augen zu verlieren. Bisher hat Naseweis nur kleine Zitronenfalter und Kohlweißlinge gesehen. Diesen prächtigen Schmetterling aber wollte er unbedingt aus der Nähe betrachten und seinen Wissensdurst stillen.  Mit wehender Mähne trabt er davon und hat das Tor der Koppel bereits weit hinter sich gelassen. Er bemerkt nicht die Felder und Äcker sowie den kleinen See, an dem er vorbeikommt und wie die Zeit vergeht. Sally hat inzwischen einen Haselstrauch erreicht, der am Wegesrand steht und lässt sich kurzzeitig auf einem Zweig nieder. `Ich lege jetzt nur eine kurze Verschnaufpause ein`, denkt sie, als sie im letzten Moment die Drossel bemerkt, die sich offensichtlich auf sie stürzen will. Erschrocken flattert sie auf und entkommt dem Vogelschnabel in letzter Sekunde.
Es ist Naseweis, der die gefährliche Situation sofort erkannt hat und blitzschnell reagiert. Mit einem energischen Wiehern lenkt er die Aufmerksamkeit auf sich, richtet sich bedrohlich auf die Hinterbeine, bläht die Nüstern, reißt die Augen auf und ruft entschlossen:  „Lass` den kleinen Schmetterling in Ruhe. Er hat dir nichts getan! Sonst bekommst du es mit mir zu tun!“
„Schon gut, reg` dich nur nicht so auf! Ich finde noch genug anderes Futter, um meinen Magen zu füllen“, erwidert die Drossel beleidigt und fliegt davon.
`Das ist gerade noch einmal gut gegangen`, denkt Naseweis bei sich. Er schnieft laut, blickt sich fragend um und murmelt: “Wo ist eigentlich der bunte Schmetterling geblieben, dem ich soeben das Leben gerettet habe?“
Von Sally ist nichts mehr zu sehen. Das Pfauenauge hat sich blitzschnell entfernt und in Sicherheit gebracht.
Naseweis muss jetzt auch noch entsetzt feststellen, dass er sich verlaufen hat. Er weiß nicht mehr, wo er ist und welchen Weg er einschlagen soll, um nach Hause zu finden. Beunruhigt wiehert er und hofft, seine Mutter würde antworten. Verzweifelt ruft er: “Mama, ich bin hier! Hörst du mich? So antworte doch!“ Er dreht sich im Kreis und stellt fest, dass er keinerlei vertraute Geräusche mehr hört. Mutterseelenallein ist er auf einem Feldweg, von dem er nicht weiß, wohin er führt. Welche Richtung soll er einschlagen? Was soll Naseweis nur machen?